AWO - Pflege zuerst kommt der Mensch Pflegeberatung
 

Dieses Lächeln müsste man in Dosen packen!

08.06.2012 09:12

 

Per Zufall ist die 49-jährige Andrea Radtke als Ehrenamtliche zum Servicehaus Sandberg gekommen. Seitdem will sie dort nicht mehr weg. „Ich wusste schon immer, was ich nicht will. Aber nie, was ich will. Deshalb musste ich immer alles im Ausschlussverfahren machen.“ Dass dieser Weg nicht unbedingt der einfachste ist, hat die gebürtige Westerländerin Andrea Radtke schon in ihrer Jugend erfahren: „Alle wollten auf Sylt sein – ich nicht. So eine Insel ist ein Mikrokosmos für sich. Und ich habe irgendwann den Inselkoller bekommen.“ Eines hat die Insel ihr aber dennoch gebracht: ihre frühe Verbundenheit mit der AWO: „Schon die Klinik, in der ich geboren wurde, trug den großen AWO-Schriftzug!“ Gearbeitet hat Andrea Radtke jedoch zunächst im Buchhandel – über 25 Jahre lang. Bis 2007, „dann wollte ich nicht mehr.“ Nach einer langen Erkrankung wurde sie arbeitslos. Kenntnisse aus anderen Branchen hatte sie keine. Also suchte sie nach einem neuen Betätigungsfeld. Zurück in den Verkauf wollte die 49-Jährige nicht: „Der Handel ist was für junge Menschen.“ Das Programm „Erfahrungshorizonte“ der Arbeitsagentur schließlich ermutigte sie, „mal über den Tellerrand zu schauen“. Zweieinhalb Monate lang machte sie ein Praktikum im AWO Servicehaus Sandberg. „Und da bin ich kleben geblieben.“ Klischeehafte Vorstellungen In dem Haus war Andrea Radtke als Kind schon einmal gewesen: „Damals habe ich die Nachbarin meiner Tante besucht.“ In Erinnerung hatte sie ein Hochhaus, in dem mehrere Frauen in einem Zimmer lagen: „Altersheim, dunkle Gänge, keine Teppiche, komischer Geruch. Ich hatte richtig klischeehafte Vorstellungen von Pflege, bevor ich mein Praktikum begann. Und war bass erstaunt, dass heute alles völlig anders ist. Einzelzimmer, Privatsphäre und keiner muss ertragen, dass der Bettnachbar zehn Leute zu Besuch hat, weil er gerade Geburtstag hat.“

„Ein ganz besonderer Tag“

Während ihres Praktikums im Servicehaus hatte Andrea Radtke die Möglichkeit, die beiden Ergotherapeuten in der WOHNpflege zu begleiten. „Dieser Tag war ein ganz besonderer Tag für mich“, erinnert sie sich. Gedächtnistraining, Spaziergänge und viele persönliche Gespräche: „Besonders beeindruckt hat mich der Lerneifer der meisten Mieter, ihr Sinn für Humor, die Erinnerungen an die Kindheit und ihr natürlicher Umgang mit Demenz. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an die Dame, die das Pfeifen von ihrem Vater gelernt hat und noch heute gerne pfeift.“Natürlich sind Andrea Radtke an diesem Tag auch persönlicher Kummer und Schmerzen begegnet. Aber auch Menschen, die gelassen mit Alter und Krankheit umgehen und ihre Situation annehmen können. „Beim Gedächtnistraining gab es eine Dame, die sich nur noch mit Zahlen ausdrücken konnte“, erinnert sie sich. „Wenn die gelächelt hat, dann habe ich gedacht: Dieses Lächeln müsste man in Dosen packen und verteilen können!“

„Bezaubernde Menschen“

Als sich nach dem Praktikum für Andrea Radtke die Möglichkeit bot, ehrenamtlich im Servicehaus tätig zu sein, zögerte sie nicht lange. Drei Mal pro Woche kommt sie seitdem zur AWO: Dienstags Gedächtnistraining und Einkaufen für die Mieter, mittwochs Stricken, und donnerstags Büroarbeit beim Stadtverband der AWO. Dass die Menschen, mit denen Andrea Radtke heute bei der AWO zu tun hat, Mieter sind, macht für sie einen großen Unterschied: „Es wohnen keine reichen Leute hier, sondern ganz normale Menschen ohne Superrente. Jeder Mieter hat sein eigenes Appartement mit Klingel und eigenem Briefkasten. Dies ermöglicht den Mietern, immer noch eigenständig zu sein, solange sie können. Das ist wunderbar, und ich sag’ immer: Hier zieh’ ich ein!“ Für ihren Einsatz bekommt Andrea Radtke viel Anerkennung, Herzlichkeit und Bestätigung
zurück. „Mir ist es wichtig, dass die Mieter hier wie Erwachsene behandelt werden. Das sind alles ganz bezaubernde Menschen, und ich gebe ihnen das Gefühl: Sie sind das, worum es geht.