20 Jahre PflegeNotTelefon in Schleswig-Holstein

7. Juni 2019

Prof. Dr. Thomas Görgen (Deutsche Hochschule der Polizei), Dr. Heiner Garg (Sozialminister Schleswig-Holstein), Anke Buhl (Projektkoordinatorin PflegeNotTelefon Schleswig-Holstein) und Prof. Dr. Dr. R. D. Hirsch (Bundesarbeitsgemeinschaft Krisentelefone) (v. li. n. re.)

Große Jubiläumsfeier mit Vorträgen zum Thema „Gewalt in der Pflege“ in Kiel

 Hoher zeitlicher Aufwand, Kraft und Nerven: die Pflege älterer Menschen verlangt Familien viel ab: Für pflegende Angehörige, Freunde oder Nachbarn kann Pflege zur körperlichen und seelischen Belastung werden, aber auch die Pflegeprofis, ehrenamtliche Helfer, Sozialarbeiter, Ärzte und Betreuer stoßen manchmal an ihre Grenzen. Kritische Ereignisse in der Pflege sind deshalb keine Seltenheit. Seit 20 Jahren finden Menschen in solchen Notsituationen Unterstützung beim PflegeNotTelefon in Schleswig-Holstein. Am Freitag wurde dieses Jubiläum gemeinsam mit Gästen und den einzelnen Akteuren im Sparkassen-Veranstaltungszentrum in Kiel gefeiert.

Schon vor 10 Jahren habe ich mir bei der damaligen Feier ein ‚Konzept der sozialen Aufmerksamkeit‘ gewünscht: ‚Hinsehen statt wegsehen‘, ‚Reden statt schweigen‘ und zwar alle gemeinsam.  Projektkoordinatorin des PflegeNotTelefons in Schleswig-Holstein.

Mit den vielen Quartierskonzepten, die in den letzten Jahren entstanden sind, dem starken bürgerschaftlichen Engagement in der Pflege und der grandiosen Netzwerkarbeit der Akteure in Schleswig-Holstein bin ich zuversichtlich, dass das PflegeNotTelefon seinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben wird und das ist auch gut so“, sagt Anke Buhl.

Finanziert wird das Angebot vom Sozialministerium Schleswig-Holstein.

 Seit 20 Jahren besteht nunmehr vor allem für pflegende Angehörige die Möglichkeit, zum Telefonhörer zu greifen und die Nummer des Pflegenottelefons zu wählen, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Das Pflegenottelefon hat dabei für alle Menschen ein offenes Ohr: für Pflegebedürftige selbst, aber auch für nachbarschaftliche, ehrenamtliche und professionelle Kräfte und das rund-um-die-Uhr, auch nachts außerhalb üblicher Bürozeiten. Sozialminister Heiner Garg

„Bei der Beratung zum Thema Pflege hat sich das Pflegenottelefon damit nicht nur bewährt, sondern zu einem wahren Eckpfeiler entwickelt. Darauf können alle Beteiligten stolz sein,“ sagt Garg.

Im April 1999 wurde das PflegeNotTelefon gegründet und zunächst auf drei Monate angelegt, um Erkenntnisse über belastende Pflegesituationen zu gewinnen. Heute blicken die Betreiber des Beratungsangebotes auf eine langjährige Tätigkeit zurück. Das Thema Gewalt findet sich in unterschiedlichster Form in den Beratungsgesprächen wieder. Konkrete Schilderungen von Gewalt (z.B. Festes Zugreifen, Beschimpfen, An­schreien, Ignorieren, Drohungen) wurden auch in 2018 verzeichnet. Auffällig war, dass Pflegekräfte sich verstärkt anonym mit Schilderungen von beobachteter oder vermuteter Gewalt an das PflegeNotTelefon gewandt haben.

Auch bei der Jubiläumsfeier stand das Thema Gewalt in der Pflege in den Vorträgen von Prof. Dr. Thomas Goergen und Prof. Dr. Dr. Rudolf D. Hirsch. Prof. Dr. Goergen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Themenbereich „Gewalt in der Pflege“. Er hat mehrere Studien dazu herausgegeben (z.B. „Ist die Hand die pflegt, auch die Hand die schlägt“ Gewaltprävention in Bezug auf (pflegebedürftige) ältere Menschen).  Aktuell beschäftigt er sich u.a. mit einer Studie im Auftrag des Zentrums für Qualität in der Pflege in Berlin mit dem Thema „Aggressionen zwischen Pflegeheimbewohner*innen“. An diesem Projekt ist auch das PflegeNotTelefon beteiligt.

Prof. Dr. Dr. Rudolf D. Hirsch Ist seit vielen Jahren in der Gewaltprävention tätig und hat vor über 20 Jahren den Verein „Handeln statt Mißhandeln“ in Bonn gegründet sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Krisentelefone. Das PflegeNotTelefon begleitet er seit 20 Jahren.

Beschwerdenetzwerk weiter ausgebaut

In 2018 ist das Beratungs- und Beschwerdenetzwerk in Schleswig-Holstein weiter ausgebaut und gestärkt worden. So wurde die Kooperation mit dem Pflegeverbund im Kreis Schleswig Flensburg intensiviert und die Bemühungen für die Errichtung eines Pflegestützpunktes im Kreis unterstützt. Zentral sind 362 Gespräche erfasst worden. Insgesamt sind es etwa 1000 Anrufer im Jahr bei allen Partnern. Damit liegen die Anrufzahlen auf dem Niveau der vergangen Jahren. Das PflegeNotTelefon ist ein Verbund aus unterschiedlichen Akteuren. So bietet der Sozialverband Schleswig-Holstein jeden Mittwoch eine sozialrechtliche Erstberatung an, die Pflegebrücke sicherte die 24stündige und tägliche Erreichbarkeit des Beratungstelefons und auch auf die Pflegestützpunkte werden die Anrufe umgeleitet und Menschen beraten. Insgesamt umfasst das Netzwerk des PflegeNotTelefons rund 50 Kooperationspartner aus Verbänden und Vereinen. So zählen auch das Forum Pflegegesellschaft, die AWO Schleswig-Holstein und die Pflegeombudsfrau Dagmar Danke-Bayer der Ärtzekammer dazu.

20 Jahre PflegeNotTelefon ist ein gelungenes Beispiel praktizierter Zusammenarbeit aller relevanten Akteure in der Pflege in Schleswig-HolsteinAnke Buhl.

Eine Besonderheit in 2019: Das PflegeNotTelefon hat das Zentrum für Qualität in der Pflege dabei unterstützt, einen Ratgeber „Gewalt vorbeugen“ herauszugeben. Dieser Ratgeber  ist einer der Gewinner im Broschüren-Wettbewerb 2018, in dem das Netzwerk Patienten- und Familienedukation e.V. und die Universität Witten/Herdecke (UW/H) unter Leitung von Prof. Dr. Angelika Zegelin zehn besonders gut gemachte Informationsbroschüren für Patienten ausgezeichnet haben.