70 Jahre Kriegsende am 8. Mai – Erinnerungen wachrufen, ordnen und verarbeiten

6. Mai 2015

Kiste Brigitte Lüdtke

70 Jahre Kriegsende am 8. Mai

Erinnerungen wachrufen, ordnen und verarbeiten

AWO-Gesprächsabende für Kriegskinder und Kriegsenkel mit Dr. Helga Spranger treffen auf große Resonanz
Nächster Kriegskinder-Abend findet im Juli 2015 in Kiel statt.

Kiel, 6. Mai 2015. Sie haben Krieg, den Verlust geliebter Menschen, Angst, Flucht und Vertreibung erlebt und zum Teil schwere Traumata davongetragen: Jetzt, zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, werden bei den sogenannten Kriegskindern viele dieser traumatischen Erlebnisse reaktiviert. Ein Grund für die AWO Pflege Schleswig-Holstein, im Vorfeld und darüber hinaus in ihren Einrichtungen und Diensten regelmäßige Gesprächsabende für die Betroffenen und ihre Angehörigen durchzuführen, angeleitet und moderiert von Dr. Helga Spranger, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie/Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin mit Schwerpunkt Gerontopsychotherapie und Traumatisierungen bei Kriegskindern. „Sie dienen dazu, Erinnerungen und Gefühle wachzurufen, sie in geordneter Form zu erzählen und letztlich auch zu verarbeiten“, erklärt Susanne Weber, Leiterin des AWO Servicehauses Kiel-Mettenhof. „Das heißt es geht darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Erlebnisse professionell begleitet zu reflektieren und ihnen durch sensibles Zuhören und die Vermittlung von Wissen die Möglichkeit zu geben, das Trauma zu korrigieren und in das Leben zu integrieren.“

Nicht nur die mediale Aufarbeitung des Kriegsendes, sondern auch andere Faktoren trügen in diesem Jahr stärker als sonst zur Reaktivierung vergessen geglaubter Erinnerungen bei, so Dr. Spranger: „Der Prozess in Auschwitz, die Gedenkveranstaltungen in Bergen-Belsen, aber auch die verstärkte Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland und die Proteste dagegen holen diese Ereignisse meist in ungeschütztem Raum zurück. Dennoch ist es richtig und wichtig, dass all diese Themen nicht länger beiseite geschoben, sondern behandelt werden.“ Wichtig sei jedoch, den Kriegskindern die Möglichkeit zu geben, sich in geschütztem Raum mit diesen Ereignissen auseinanderzusetzen und erfahrene Kriegstraumata zu „korrigieren“. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass diese nur noch weiter fixiert würden.

Die Informationsabende bei der AWO treffen auf eine durchweg positive Resonanz. Sie richten sich jedoch nicht nur an die Kriegskinder selbst, sondern auch an die Kriegsenkel, also die meist (mit)pflegenden Angehörigen sowie die professionellen Pflegekräfte oder Betreuungsassistenten, die den Kriegskindern tagtäglich begegnen. Bei ihnen sieht Dr. Spranger eine ebenso große Not wie bei den Kriegskindern selbst: „Sie spüren schon länger, dass vieles nicht stimmt, doch konnte es in den meisten Familien nie angesprochen werden.“ Häufig großgeworden mit dem Gefühl, nicht die Liebe und Fürsorge erhalten zu haben, die sie benötigt hätten, würden viele der Kriegsenkel oft bis ins Erwachsenenalter unter dem Gefühl fehlender Geborgenheit, einem Mangel an Selbstvertrauen oder Verständnisschwierigkeiten bis hin zu Entwicklungsstörungen leiden. „Aber auch wenn ein Vater im hohen Alter plötzlich schreit ‚Tötet mich nicht!‘, wenn eine Tür zuknallt, dann traumatisiert das auch die Kinder der Kriegskinder“, so Dr. Spranger.

Die Abende sollen deshalb vor allem dazu dienen, vielfältige Fragen und Verständnisprobleme aufzugreifen: „Meist sind die Angehörigen zunächst sehr zurückhaltend“, erzählt Dr. Spranger aus ihrer rund 15-jährigen Erfahrung in der Leitung tiefenpsychologisch fundierter analytisch orientierter Selbsterfahrungsgruppen für Kriegskinder- und Enkel. „Wenn sie dann aber doch mal fragen: ‚Kann es sein, dass ich so empfinde, oder bin ich herzlos?‘, dann hilft meist vor allem Erklärungsarbeit, ihre Gedanken und Gefühle einzuordnen, wofür sie sehr dankbar sind.“

Gemeinsam mit Dr. Helga Spranger hat die AWO darüber hinaus bereits 2012 einen Leitfaden für Pflegende über den Einfluss von Kriegserfahrungen auf Pflegesituationen herausgegeben. Er soll die Handelnden in der Pflege in die Lage versetzen, mit besonderer Sorgfalt und Sensibilität auf die Bedürfnisse kriegsbedingt traumatisierter Menschen einzugehen und gleichzeitig ihre eigenen biografischen Erfahrungen im Blick zu behalten. „Zu unserer Arbeit im Alltag gehört aber auch, das Thema in der Betreuung und Begleitung der Pflegebedürftigen immer wieder aufzugreifen, zum Beispiel in Form von Musik, Theater, Filmen, einem Erinnerungsbaum, den Bau von Erinnerungskisten sowie durch ständiges aktives Nachfragen und eine sensible Biografiearbeit“, so Anke Buhl, Referentin bei der AWO Pflege Schleswig-Holstein und Mitautorin des Leitfadens.

Der nächste Kriegskinder-Abend der AWO Pflege mit Dr. Helga Spranger findet im Juli 2015 im Stadtcafé des AWO Servicehauses in Kiel-Mettenhof statt.

Hintergrund
Ein Großteil der Pflegebedürftigen gehört der Kriegskindergeneration der Jahrgänge 1929 bis 1945 an. Die meisten von ihnen sind weiblich, hochaltrig, allein oder im Heim lebend, und ihr Leben ist gekennzeichnet von Multimorbidität, häufig auch Demenz und einem hohen Medikamentenkonsum. Rund 90 Prozent von ihnen wurden laut Schätzungen von Dr. Spranger nie therapeutisch behandelt. „Welche Spätfolgen dies für die betroffenen Menschen hatte, wurde erst durch die Behandlung von Vietnamveteranen in den USA in den 80er Jahren klar“, so Dr. Spranger. Bei bis zu zwölf Prozent der über 60-jährigen Deutschen fanden Wissenschaftler der Universitätsmedizin Leipzig Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die als Kriegsfolge erst seit rund 15 Jahren auch von den Krankenkassen anerkannt wird und sich in Form von Angststörungen, Depressionen, aber auch körperlichen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Störungen und Diabetes oder sogenannten Ich-syntonen Verhaltensweisen wie Sparsamkeit, Altruismus oder Angepasstheit zeigt.

Für weitere Informationen und Interviews mit Dr. Helga Spranger sowie teilnehmenden Kriegskindern und Kriegsenkeln:

Dr. med. Helga Spranger
Am Harzofen 12 A
64297- Darmstadt Eberstadt
Tel. 06151 6 01 66 56
Mail: hspra@t-online.de

Anke Buhl, Referentin für Altenarbeit und Altenpolitik
AWO Schleswig-Holstein gGmbH
Sibeliusweg 4| 24109 Kiel
Tel: +49 431 5114 155
Mail: anke.buhl@awo-sh.de