„Ehrenamt hilft, eine Gemeinschaft zu stiften“

3. April 2018

Wer sich mit Dr. Heidi von Gülow unterhält, merkt schnell: Was die promovierte Musikwissenschaftlerin tut, das tut sie mit vollem Herzen. Das gilt auch für ihr freiwilliges Engagement bei der AWO. Seit zehn Jahren engagiert sich Heidi Gülow ehrenamtlich bei der AWO.

„Damals, 2007, traten die Leiter der Bad Schwartauer Tafel an mich heran und fragten, ob ich mir vorstellen könnte, Mitglied zu werden und bei den Vorstandswahlen 2008 zu kandidieren.“ Die promovierte Musikwissenschaftlerin zögerte nicht lange, auch als sie kurz darauf gewählt und mit den Tagesfahrten für Senioren betraut werden sollte. „Verantwortung zu übernehmen ist für mich selbstverständlich“, so die 70-Jährige: „Ich bin nach dem Krieg geboren und in beengtesten Verhältnissen aufgewachsen. Man hat angestanden für Bezugsmarken und man hat einander geholfen.“ Diesen Geist hat sich Heidi Gülow bis heute bewahrt und findet: „Wenn ich nicht selber bereit bin zu helfen, wer soll dann ein Interesse haben, mir zu helfen?“

Meine Kenntnisse stelle ich gerne zur Verfügung“

Rund sieben Tagesfahrten pro Jahr betreut sie seitdem. „Manchmal auch acht, wenn sich so viele angemeldet haben, dass wir zwei Busse voll bekommen.“ Die Fahrten leben vor allem von ihren umfangreichen Geschichtskenntnissen: „Die stelle ich gerne zur Verfügung. Jede Fahrt hat daher einen kulturellen Mittelpunkt, eingebettet in gutes Essen und Trinken“ Häufig geht es schon morgens um 5 Uhr los. Zurück ist Heidi Gülow dann meist erst gegen 22 Uhr. Warum sie diese Strapazen auf sich nimmt, weiß sie genau: „Ich finde es außerordentlich wichtig, Menschen, denen es nicht so gut geht, so viel entgegenzubringen, dass sie das Gefühl haben, wertvoll zu sein, und ein paar schöne Stunden erleben können.“

Ein Teil der Mitfahrer*innen, die sich mit ihr auf Fahrt begeben, sind Menschen, die sich nicht mehr trauen, etwas alleine zu unternehmen. „Weil sie schon einen Herzinfarkt hatten, Diabetiker sind oder auf den Rollator angewiesen“, so Heidi Gülow, die selbst manchmal ihren Rollator dabei hat. „Deshalb sind meine Fahrten so ausgerichtet, dass auch diejenigen, die eine körperliche Einschränkung haben, daran teilnehmen können.“

Da ist der Bus plötzlich mucksmäuschenstill“

Unterwegs hält Heidi Gülow meist kleine Kurzvorträge: „Bei unserer Schlössertour mit Besuch des Kloster Preetz habe ich zum Beispiel etwas über die Hexenverbrennungen erzählt, bei unserem Ausflug nach Celle etwas zur Rolle der Frau im 18. Jahrhundert.“ Entsprechend viel Zeit nimmt sich die engagierte Rentnerin für die Vorbereitung – und die Teilnehmenden danken es ihr: „Wenn ich anfange zu reden, ist der ganze Bus plötzlich mucksmäuschenstill und vor jeder neuen Fahrt werde ich gefragt: „Kriegen wir wieder so etwas Tolles erzählt?’“

Ähnlich viel Dankbarkeit erhält Heidi Gülow auch bei ihren Vorsorgevorträgen im AWO Servicehaus in Lübeck – ihrem zweiten freiwilligen Engagement. Dass sie für diese Tätigkeit eine kleine Ehrenamtspauschale in Höhe von 30 Euro pro Monat erhält, ist für sie nebensächlich: „Als mich die Leiterin dort vor einigen Jahren fragte, ob ich mir vorstellen könnte, einmal pro Monat solche Vorträge zu halten, hat mich das sehr gereizt: Ich komme aus einem Arzthaushalt und weiß, was es beispielsweise heißt, wenn ich geschäftsunfähig werde und nicht durch eine Vorsorgevollmacht vorgesorgt habe.“

Es geht mir um Hilfe zur Selbsthilfe“

Wie kann ich so vorsorgen, dass ich auch in der Geschäftsunfähigkeit weiter selbstbestimmt leben kann? Diese Fragen beantwortet Heidi Gülow in ihren Vorträgen: „Natürlich gebe ich keine Rechtsberatung und fülle auch keine Formulare aus, sondern es geht mir darum aufzuklären und Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten – ganz im Sinne der AWO.“

Je länger sie sich engagiere, desto höher sei für sie der Stellenwert der AWO: „Sie ist der einzige Verein, der Hitler Widerstand geleistet hat und ihr Motto war es immer, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dieser Geist spiegelt sich noch heute auch im Miteinander von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen wider, auch darin, wie sich die Bewohner der WOHNpflege gegenseitig unterstützen und füreinander engagieren.“ Diese Gemeinschaft genießt auch Heidi Gülow, zum Beispiel bei den zwei Mal jährlich stattfindenden Ehrenamtscafés oder dem jährlichen Ausflug mit den 15 Ehrenamtlichen bei der AWO in Lübeck.

Ehrenamt hilft immer, eine Gemeinschaft zu stiften“, weiß Heidi Gülow. „Diese Erfahrung wünsche ich auch jungen Menschen: Jeder hat seine Höhen und Tiefen. Und wenn man in einem Tief ist, hilft nur eine Gemeinschaft, die einen trägt.“