Erfahrungsbericht aus der Schreibwerkstatt

20. Oktober 2016

Brigitte Schirmer, Teilnehmerin an der Schreibwerkstatt

Brigitte Schirmer nimmt seit dem ersten Termin der Schreibwerkstatt begeistert teil und war so freundlich, ihre bisherigen Erfahrungen in einem kurzen Interview mit uns zu teilen. Dafür danken wir ihr ganz herzlich!

AWO: Hallo Frau Schirmer, mich würde als erstes interessieren, ob Sie schon vor der Schreibwerkstatt einen Bezug zum Schreiben hatten.

B. Schirmer: In meiner Schulzeit habe ich sehr gerne Briefe und Aufsätze geschrieben. Nach der Schulzeit, vor allem als die Kinder da waren, versandete dieses Interesse jedoch immer mehr, weil ich mir im Alltag kaum Zeit dafür nehmen konnte. Nur Briefe schrieb man früher natürlich viel mehr als heute. Diese Verbindung zum Schreiben haben wir noch viel stärker, als die heutige Generation. Aber der Anstoß, wieder mehr zu schreiben und vor allem biografische Erlebnisse aufzuschreiben, kam durch das Angebot der AWO, an einer Schreibwerkstatt teilzunehmen.

AWO: Wie wurden Sie in den ersten Terminen der Schreibwerkstatt an das Schreiben herangeführt?

B. Schirmer: Unsere Dozentin, Patrizia Held, las uns eine Kurzgeschichte vor, die wir als Anregung für unseren eigenen Text nutzen konnten, und das klappte sofort! Außerdem gab es eine Übung, bei der wir erst einmal alles aufschreiben sollten, was uns durch den Kopf ging. Ganz gleich, was es war oder in welcher Reihenfolge. Das hat gut funktioniert, um die Hemmungen vor dem Schreiben zu verlieren.

Am Ende jedes Termins bekommen wir eine Hausaufgabe. Frau Held sagte zu uns, dass man seinen „inneren Schweinehund“ überwinden muss, um sich die Zeit zum Schreiben zu nehmen. Das stimmt auch, aber trotzdem habe ich das Angebot von Anfang an als sehr positiv wahrgenommen.

AWO: Wie wirkt sich diese, ja doch sehr persönliche Arbeit, auf die Gruppe aus?

B. Schirmer: Man merkt, dass die Hemmungen, sich gegenseitig das Geschriebene vorzulesen, allmählich abgebaut werden. Der Gruppenzusammenhalt wird immer stärker, weil man auch sehr persönliche Erlebnisse und Gefühle mit den anderen, die vorher fast alle fremd waren, teilt. Inzwischen merkt man sogar bei anderen Veranstaltungen im Haus, dass man zu den Teilnehmern der Schreibwerkstatt eine engere Bindung hat als zu den anderen Mietern. Am Anfang hatten alle Schwierigkeiten, Geschichten auf Papier zu bringen, und das Erzählen fiel allen deutlich leichter. Inzwischen haben aber alle gelernt, offen Neuem gegenüber zu sein und sich auf das Schreiben einzulassen.

AWO: Wie wirkt sich das Schreiben auf Sie persönlich aus? Nehmen Sie die Geschichten, mit denen Sie sich beschäftigt haben, gedanklich noch mit nach Hause?

B. Schirmer: Ich musste feststellen, dass mich das Schreiben viel mehr aufwühlt, als nur über frühere Erlebnisse zu sprechen. Das Schreiben scheint für mich eine intensivere Form zu sein, sich mit Erlebtem auseinander zu setzen. An manchen Abenden bin ich nach der Schreibwerkstatt so aufgewühlt, dass ich gar nicht in den Schlaf finde. Einmal habe ich versucht, meine Kriegserlebnisse auf Papier zu bringen, alles kam sofort wieder hoch: die Bomben, die Flucht, die Russen und auch die Nachkriegszeit. Im Moment möchte ich es mir nicht antun, alles noch einmal zu durchleben, deshalb versuche ich nun, mich auf schöne Erlebnisse, die es in den armen Zeiten ja auch gab, zu konzentrieren. Die Texte über den Krieg werde ich für mich behalten und nicht veröffentlichen. Auch für meine Kinder war es zum Teil sehr aufwühlend, wenn ich Geschichten aus deren Kindheit schrieb und ihnen zu lesen gab. Das Schreiben bringt mir vergangene Erlebnisse wieder erstaunlich nahe.

Abgesehen von diesen schwierigen Texten merke ich, dass die Schreibwerkstatt einen schönen Ausgleich zum Alltag bietet.

Das Interview führte: Adina Tack, AWO Servicehaus Norderstedt