Flensburg bekommt erste ambulant betreute Demenz-WG

2. Juli 2018

Vertrag unterzeichnet: AWO Landesgeschäftsführer Michael Selck, Maria-Theresia Schlütter, die Dezernentin für Jugend, Soziales, Gesundheit und Zentrale Dienste der Stadt Flensburg und SBV-Vorstandsvorsitzender Jürgen Möller (v.l.n.r.), Foto: AWO Pflege

AWO Pflege und SBV unterzeichnen Vertrag mit Stadt Flensburg

Demenzerkrankte haben jetzt auch in Flensburg die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben. Dafür unterzeichneten am Montag, den 2. Juli 2018, die AWO Pflege Schleswig-Holstein mit der Stadt Flensburg und der SBV Flensburg einen Kooperationsvertrag für die erste Demenz-Wohngemeinschaft der Stadt. Der SBV Flensburg stellt  in der Travestraße 28 voraussichtlich ab Juli 2019 Wohnraum auf rund 500 Quadratmetern für eine Demenz-WG zur Verfügung. Für insgesamt zwölf Menschen entsteht damit ein zeitgemäßes neues Zuhause. Der SBV bringt seine bewährten Erfahrungen als größte Wohnungsbaugenossenschaft in Flensburg ein, die AWO Pflege übernimmt das künftige Betreuungskonzept und wird als Dienstleister rund um die Uhr die Pflege und Betreuung der Mieter*innen übernehmen. Die Stadt Flensburg unterstützt das Vorhaben und hat mit der AWO eine Vergütungsvereinbarung erarbeitet. Damit ist sichergestellt, dass der Wohnraum in der Wohngemeinschaft bedarfsgerecht genutzt werden kann und nicht allein für Menschen zur Verfügung steht, die über das ausreichende Einkommen verfügen.

Familiäres Umfeld mit Betreuung

Die Initiative für den Neubau der 1. Flensburger Wohngemeinschaft ist gemeinsam vom SBV, der AWO Pflege und der Stadt Flensburg ausgegangen. Zwölf Menschen werden in der ambulant betreuten Wohngemeinschaft gemeinsam ihren Alltag gestalten: familienähnlich und überschaubar. Damit das gelingt, hat der SBV mit der AWO Pflege eine Kooperationserklärung unterzeichnet. „Der SBV erweitert damit sein genossenschaftliches Wohnangebot, künftig für Menschen in allen Lebenslagen – im ‚Mürwiker Garten‘, in unseren Servicehäusern und auch in der WG für Demenzkranke. Wir lassen niemanden im Stich, unsere Mitglieder können ihr Leben lang in den eigenen vier Wänden wohnen“, so der SBV-Vorstandsvorsitzende Jürgen Möller. Rund-um-die-Uhr werden Mitarbeiter*innen der AWO Pflege in der Wohngemeinschaft anwesend sein.

Diese Kooperation in Flensburg ist ein tolles Beispiel, wie eine Wohn-Pflege-Gemeinschaft klappen kann. Verschiedene Beteiligte müssen dafür unter dem Motto „Geteilte Verantwortung“ vertrauensvoll zusammenarbeiten. Ich freue mich, dass wir aufgrund dieser guten Kooperation Menschen mit einer Demenzerkrankung künftig ein Leben in einer selbstbestimmten Gemeinschaft in Flensburg bieten können“, sagt AWO-Landesgeschäftsführer Michael Selck.

Auf 500 Quadratmetern individuell und selbstbestimmt leben

Die zwölf Mieter der WG in Flensburg leben auf 500 m² möglichst individuell und selbstbestimmt in ihren 25 Quadratmeter großen, mit eigenen Möbeln ausgestatteten Zimmern, mit eigenem Bad und Terrasse. Sie erfahren dort eine liebevolle „Rund um die Uhr Betreuung“ vom AWO Betreuungsteam. Zentraler Mittelpunkt der WG ist ein großzügiger und offener Küchen- und Wohnbereich, Gemeinschaftsterrasse und Garten runden das Wohnangebot ab. Die Tagespauschale für die Betreuung beträgt 43,40 Euro. Das Wohnangebot richtet sich an ältere Menschen mit demenziellen Fähigkeitsstörungen aus Flensburg und einem Pflegerad von mindestens 2, die ständig Unterstützung in der Lebensführung benötigen.

Bedarf in Flensburg ist groß

Der Bedarf ist groß. In Flensburg leben ca. 1.600 Menschen mit einer Demenz, deren häufigste Form mit rund 60 bis 70 Prozent die Alzheimer-Krankheit ist. Nicht alle von Ihnen können noch allein in der eigenen Wohnung leben,  wollen aber noch vieles im Alltag selber gestalten. „Die WG ist deshalb eine wunderbare Ergänzung des pflegerischen Angebotes in Flensburg, für die betroffenen Menschen genauso wie für die Angehörigen“, freut sich Maria-Theresia Schlütter die Dezernentin für Jugend, Soziales, Gesundheit und Zentrale Dienste der Stadt Flensburg.

Vorhandene Fähigkeiten lange erhalten

Wahrung und Förderung der Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen im Mittelpunkt der Rund-um-die-Uhr Betreuung durch die AWO. Mieter, Angehörige und Ehrenamtliche werden dabei in die Alltagsgestaltung mit eingebunden und helfen den Tagesablauf zu gestalten. Hilfe kommt vom Betreuungsteam dort, wo sie gebraucht wird, vorhandene Fähigkeiten sollen möglichst lange erhalten und gefördert werden.

Die gemeinsame Tagesgestaltung ist deshalb ein wichtiger Baustein des Konzeptes. Der Grad der Selbstbestimmung ist für die Mieter*innen hoch. So bestimmen die Mieter*innen beispielsweise, was gekocht wird. Sie können mitwirken beim Zubereiten der Mahlzeiten, Tisch decken und Abräumen. Wie zu Hause eben – nur mit Hilfe, dort wo‘s alleine nicht mehr geht“, sagt Rainer Mühe, Leiter der Flensburger Servicehäuser.

Angehörige spielen wichtige Rolle

Auch den Angehörigen kommt in einer Wohngemeinschaft eine zentrale Rolle zu: Stellvertretend für die demenzerkrankten Menschen regeln sie die vertraglichen Angelegenheiten, verwalten das gemeinsame Haushaltsgeld, wählen die Angehörigenvertretung und sind fester Bestandteil im Alltagsleben. Ein zwischen den Mietern abgestimmter Wohngemeinschaftsvertrag regelt die Auswahl neuer Mieter und das Zusammenleben insgesamt. Wichtig ist es möglichst früh Kontakt zu zukünftigen Mieter*innen oder deren Angehörigen aufzubauen.

Hintergrund
Ambulant betreute Wohn- und Hausgemeinschaften als Formen gemeinschaftlichen Wohnens gewinnen zunehmend an Bedeutung. Diese Wohnform eignet sich besonders für Menschen mit Demenz, da Gemeinschaft diese stärkt und ihre Kompetenzen erhält. In Schleswig-Holstein leben ca. 58.000 demenzerkrankte Menschen, das entspricht einem Anteil von etwa 2 % der Gesamtbevölkerung. In den letzten Jahren sind über 70 ambulant betreute Wohngemeinschaften für unterschiedliche Zielgruppen entstanden, weitere sind in Planung.