„Mir würde Zuhause nur die Decke auf den Kopf fallen“

31. März 2015

Charlotte Kittlaus ist eine Kämpfer- und Spielernatur

„Ich habe immer gern was unternommen und bin so froh, dass ich trotz meiner zwei Stürze so viel mitmachen kann“, sagt Charlotte Kittlaus mit einem Lächeln. Dass die 92-Jährige immer noch mit den Folgen ihrer Unfälle zu kämpfen hat, merkt man ihr nicht an. „Ich benötige jetzt einen Stuhl mit zwei Armlehnen zum Aufstehen“, erzählt sie. Jeden Freitag erhält sie Unterstützung beim Duschen durch eine Mitarbeiterin des AWO-Pflegedienstes Eckernförde. „Eine prima Helferin“, sagt sie. „Ich freue ich mich doch, dass ich noch lebe, wenn ich auch schlecht laufen kann.“ Beim Busfahren achtet sie darauf, nicht mittags mit den Schülern zu fahren, dann ist es schwer, einen Sitzplatz zu bekommen. „Aber mir wird auch sehr oft geholfen, manchmal beim Einsteigen, obwohl ich das recht gut kann, das habe ich wieder gelernt“.

Charlotte Kittlaus ist eine Kämpfernatur und gibt nicht so schnell auf, stets sucht sie eine eigene Lösung. „So habe ich immer in der Not Glück gehabt und oft hat sich das Blatt gewendet“, erklärt sie. „Das ist wie beim  Kartenspielen.“

„Der Reiz ist mir wichtig“

Charlotte Kittlaus spielt gern Skat, das genießt sie donnerstagabends quasi vor ihrer Haustür im Mietertreff „Holthuus“. „Ich bin eine Spielernatur- der Reiz ist mir wichtig“, sagt sie. „Ich traue mich auch mal mit nur fünf Trümpfen zu spielen. Das Schöne an unserer Gruppe ist, dass man mal vorn und mal hinten landet. Neulich war ich zweimal hintereinander letzte, das war ungewöhnlich für mich, dafür war ich letzten Donnerstag wieder zweite.“

Seit sie 70 Jahre alt ist, spielt Charlotte Kittlaus auch Bridge. Angefangen hat es mit einem Volkshochschulkurs. „Wir treffen uns jeden Dienstagnachmittag, ich werde von verschiedenen Mitspielerinnen abgeholt. Ich bin inzwischen die Älteste und war deswegen zu meinem 90. Geburtstag sogar in der Zeitung – aber es bringt mir immer noch Spaß“, erzählt sie.

Das Mitzählen der Stiche fällt Charlotte Kittlaus leicht, schließlich hat sie 1941 eine Lehre als Buchhalterin beendet. Das war noch in Breslau/Schlesien. Die Zeit nach der Flucht als Deutsche in der Tschechei will sie nicht  beschreiben, aber sie hatte wieder Glück, nachdem sie mutig Bekannte um Hilfe gebeten hatte. So konnte sie mit ihrer Mutter im letzten Zug nach Bitterfeld ausreisen, und über Umwege fand ihre Familie ein Zuhause und Arbeit in Münster. „Das war ein Glücksfall, dass ich wieder mit meinen Eltern zusammenkommen konnte“, erzählt sie.

50 Briefe im Monat

Sie schrieb aktiv an die 50 Briefe jeden Monat und fand so einen ehemaligen Kollegen wieder. Nach einem Wiedersehen wurde er ihre große Liebe. Schließlich ging sie zu ihm nach Lübeck, und obwohl es nicht möglich schien, zogen beide noch sechs Tage vor der Hochzeit am 01. April glücklich in eine eigene Wohnung. Später als Rentner zog das Ehepaar Kittlaus zu ihrem Sohn nach Eckernförde und bereiste ganz Schleswig-Holstein. „Ich habe immer meinen Mann fahren müssen, er hatte ja keinen Führerschein, aber mir hat es sehr viel Spaß gemacht.“

Nach dem Tod ihres Mannes las Charlotte Kittlaus in der Zeitung von dem Umbau eines Wohnblocks in  seniorengerechte Wohnungen in Eckernförde Wilhelmstal. Die Wohnungen sind über den Sozialruf mit dem AWO-Pflegedienst Eckernförde verbunden, und sie hatte schon länger nach einer betreuten Wohnung gesucht. Sie meldete sich umgehend und bekam so die jetzige Wohnung im „Fernblick“, der Umbau war gerade erst begonnen
worden. „Wieder so ein Glücksfall“, schwärmt sie, „ich war eine der ersten, die einziehen durften. Ich habe viel Schlimmes erlebt, das Glück hat immer alles aufgewogen. Immer wieder sage ich: ich bin 100% mit meinem jetzigen Leben zufrieden, das hilft auch weiter.“

„Überall die Älteste, die noch aktiv dabei ist“

Von ihrer Wohnung aus sind fast alle Aktivitäten mit dem Rollator erreichbar, so gehört Charlotte Kittlaus zum Singkreis im Holthuus, und auch wenn einmal im Monat ein AWOTreffpunkt zur Beratung und zum Klönen  angeboten wird, ist sie immer dabei. Außerdem nimmt sie am monatlichen Mittagstisch teil, den eine Nachbarin aus ihrem Haus federführend organisiert. „Mir ist gute Nachbarschaft wichtig, es ist mir egal, ob meine Nachbarn links und rechts von mir sich leiden können. Ich habe zu beiden einen guten Draht“, sagt sie. Insgesamt werden die Kontakte weniger, weil viele Freunde und Bekannte inzwischen verstorben sind. Der Literaturkreis in der BBS am Rathausmarkt hat sich aufgelöst, „Wir waren zu wenige zum Schluss“, erläutert sie. Aber Charlotte Kittlaus freut
sich, dass sie noch ein Abonnement für die Konzerte in der Stadthalle hat, ihr Sohn holt sie immer dafür ab, er wohnt auch nur ein paar Straßen entfernt. „Ich bin es allmählich  gewohnt, überall die Älteste zu sein, die noch aktiv dabei ist. Wenn ich morgens aufwache, freue ich mich, dass ich noch da bin.“