Nominiert für den Altenpflegepreis Schleswig-Holstein 2018

10. Dezember 2018

Die Akteure des Projektes "Mit dem letzten Schuss ist der Krieg nicht vorbei" auf der Bühne beim Altenpflegepreis Schleswig-Holstein 2018: Susanne Weber, Kay Gerdes, Jess Hansen, Jutta Timm und Dr. Helga Spranger.

Erinnern, Aussprechen, Bewältigen: „Mit dem letzten Schuss ist der Krieg nicht vorbei – Liegt der Fluch weiter über uns?“
Die Entstehung eines Dokumentarfilms über den Einfluss von Kriegserinnerungen der Kriegskindergeneration bis heute

In dem Film der Kieler Filmemacher Kay Gerdes und Jess Hansen erzählen Mieter*innen des AWO Servicehauses in Mettenhof und der AWO nahestehende Menschen von ihren Kindheitserinnerungen an den zweiten Weltkrieg und die unmittelbare und schwere Zeit danach. Sie erzählen über Erinnerungen an eine traumatische Flucht, Bombennächte im Bunker oder die Angst vor russischen Soldaten  – und wie diese Erinnerungen ihr Leben beeinflussen. Sie erzählen das im Rahmen eines monatlichen Arbeitskreises über einen Zeitraum von gut zwei Jahren, anderthalb Jahre haben die Filmemacher ihn mit Kamera und Mikrofon begleitet und viel Material gesammelt. Geleitet wurde der Kreis von Psychotherapeutin Dr. med. Helga Spranger. Jutta Timm ist eine der 12 Teilnehmerinnen.

Gemeinsam mit den bereits Genannten stehen bei der Projektvorstellung zum Altenpflegepreis 2018 am 7. Dezember im Landeshaus in Kiel Susanne Weber, Leiterin des AWO Servicehaus Mettenhof, und auch Jutta Timm, einer der Teilnehmerinnen des Arbeitskreises, mit auf der Bühne. Sie stehen dort zu fünft, weil jede*r von ihnen eigene Beweggründe hatte, sich an diesem öffentlichen Projekt zu beteiligen und nur zusammen ein Gesamtbild der Bedeutung des Filmes erkennbar wird.

Susanne Weber (AWO Servicehaus Mettenhof):

Als Vertreterin der AWO und Leiterin des AWO Servicehauses Mettenhof sehe ich den Film in der Folge einer kontinuierlichen Auseinandersetzung der AWO Pflege mit den Einflüssen von Kriegserinnerungen auf das Arbeitsfeld Altenpflege.
Was leistet der Dokumentarfilm? Er macht das Leid der Betroffenen und deren Umfeld – auch Generationen später – sichtbar. Der Film schärft die Blicke aktueller und zukünftiger Generationen  von Pflegekräften. Wir zeigen ihn in Mitarbeiterteams und nutzen das Gespräch im Anschluss, um zu sensibilisieren und ein Verstehen zu ermöglichen, wie weitreichend die Folgen traumatischer Erlebnisse  das Verhalten des pflegebedürftigen Menschen – und auch seiner Angehörigen –  mitbestimmen können. Ich danke Frau Dr. Spranger und den beiden Filmemachern für ihren unermüdlichen Einsatz und den Teilnehmern für ihren Mut,  ihre Offenheit und das Durchhaltevermögen – das ist mehr als bemerkenswert.“

Jess Hansen (Filmemacher):

Es ist aus zwei Gründen mein persönlichster Film:  Zum einen weil der Impuls, dieses schwierige, aber wichtige Thema anzugehen in meiner Familiengeschichte zu finden ist. Zum anderen weil ich der Überzeugung bin, dass es nie genug Filme geben kann, die ( jungen)  Menschen – die nie einen Krieg erlebt haben – aufzeigen, welche grausamen Langzeitfolgen derlei Auseinandersetzungen haben.“

Dr. Helga Spranger (Psychotherapeutin):

Stimme und Gesicht verleihen

Dem eigenen Kummer Gestalt zu geben,
Den Worten verhelfen, gesprochen zu werden,
Antlitz und Mensch zusammenzufügen,
das war der tiefere Inbegriff unserer Arbeit.

Es sind ältere bis alte Menschen, die ihre Scheu vor der Kamera überwinden und von ihren Kriegserlebnissen und deren lebenslange persönliche Folgen berichten konnten. – Nicht von jetzt, sondern von vor 73 Jahren! – Wir müssen daraus lernen.“

Jutta Timm (Teilnehmerin):

Unser Kriegskinder-Gesprächskreis hat für mich dazu beigetragen, meinen Lebenslauf besser zu verstehen und wiederum dazu, mehr Verständnis für meine Mitmenschen zu erlangen. Unsere Erfahrungen stärken uns und wir haben die Chance, Fehler unserer Ahnen nicht zu wiederholen. Unsere jetzige Lebensphase ist gut geeignet zu sich selbst zu finden. Alles hat seine Zeit und das Leben bleibt spannend.“

„Sehnsucht nach Wärme“ ist der Titel, den eine Teilnehmerin ihrem mit Wasserfarbe gemalten Bild während des Arbeitskreise gegeben hat.