Schritt macht fit

15. September 2015

Was hat ein Mitarbeiter in der ambulanten oder stationären Pflege am Ende seiner Arbeitstages alles geleistet? Vor allem hat er Menschen in ihrem Alltag unterstützt und begleitet, ihnen geholfen über den Tag und durch die Nacht zu kommen. Das ist sicher der Kern der Arbeit, allerdings in diesem einen Satz vollkommen unzureichend dargestellt. Da es an dieser Stelle aber um etwas anderes gehen soll, sei dieser pauschale Blick erlaubt.

Um welche „Arbeitsleistung“ soll es also gehen? Um Bewegung: Ein Mitarbeiter in der Pflege im Servicehaus Ellerbek in Kiel hat in seiner Schicht im Durchschnitt knapp 5.000 Schritte zurück gelegt. Das sind bei einer angenommenen Schrittlänge von 60 cm sage und schreibe 3km Wegstrecke. Welcher Schreibtischtäter kann das nach einem Arbeitstag von sich sagen?

Pflege ist also ein Beruf, der viel Bewegung mit sich bringt und deswegen auch fit hält“, erzählt Yvonne Martini, Leiterin der AWO Servicehaus Ellerbek in Kiel.

Genau darauf wollte Sie mit dem Projekt „Fitte Schritte – Pflege(r) in Bewegung“ aufmerksam machen. Die Idee für das Projekt entstand aus dem Vorschlag einer Kollegin: Auf einer Wunschliste stand eines Tages ein Schrittzähler. „Ich war zunächst verwundert darüber“, erinnert sich Yvonne Martini. Sie fragte also nach und schnell war klar, die Kollegen wollten wissen, was sie während der Arbeit für ihre Fitness getan hätten.

Schrittzähler wurden angeschafft und die letzten zwei Wochen im Juli konnte jeder Mitarbeiter, der es wollte, den Schrittzähler während des Dienstes seinen Begleiter nennen und das Schritte-Ergebnis am Ende der Schicht eintragen.

„Außerdem hatten wir die Möglichkeit, einen Kommentar zu unserem Ergebnis zu ergänzen“, berichtet Mitarbeiterin Nadine Bigon. „Da standen dann Erklärungen wie: `Ich hatte die Schichtleitung und bin vom Schreibtisch gar nicht weggekommen.` oder `Ich war bei bestem Wetter mit unseren Bewohnern zum Spaziergang`.

Es machten viele mit und schnell wurde deutlich, das da etwas in Gang gekommen war. Mitarbeiter fingen an, statt des Fahrstuhls die Treppe zu nutzen, damit die Schrittbilanz am Ende des Arbeitestages besser ausfiele. Vorurteile gerieten ins Wanken, dass Mitarbeiter im ambulanten Dienst „unendlich viel mehr“ Schritte machen würden als ihre Kollegen in der WOHNpflege, dem stationären Bereich. Und ist es nicht so, dass ein Sozialarbeiter sich eigentlich gar nicht von seinem Schreibtisch wegbewegt und eine Mitarbeiter in der Hauswirtschaft nur in der Küche seine Kreise zieht?

Nicht erst die Auswertung nach den zwei Wochen hat gezeigt, dass einige Annahmen schlicht falsch waren.

Schon während der Erhebungsphase kamen die Kollegen miteinander ins Gespräch. Es wurde über `unnötige Wege`gesprochen und es wurden (Lauf-)Touren verglichen. Die Unterstützung untereinander ´sich auch mal einen Weg abzunehmen` wuchs“, erzählt Pflegedienstleiterin Barbara Valentin.

Nach zwei Wochen gab es ein Ergbnis in Zahlen:

Mitarbeiter im ambulanten Bereich

  • zwischen 4379 und 6789 Schritten
  • Keine Unterschiede zwischen Pflegehelfern und Fachkräften
  • Es werden mehr Schritte im Frühdienst zurück gelegt
  • Nachtwache: 7604
  • Reinigungskraft: 2121
  • Durchschnittliche Schrittzahl: 4177

Mitarbeiter im stationären Bereich

  • zwischen 3640 und 8794 Schritte
  • Keine Unterschiede zwischen Pflegehelfern und Fachkräften
  • Keine Unterschiede zwischen Früh- und Spätdienst
  • Nachtwache: 5016
  • Durchschnittliche Schrittzahl:5593

Übergreifend

  • Leitung/Sozialarbeiter: 3568 Schritte

Neben den Zahlen hatten wir aber vor allem folgendes erreicht:“, resümmiert Yvonne Martini, „die Kollegen aus den verschiedenen Arbeitsbereichen haben schwarz auf weiß, dass viele kurze Wege, genauso lang sein können wie ein längerer Weg. Über die Schritte kam der Schritt zu einer genaueren Wahrnehmung für die Arbeit der Kollegen und der gegenseitige Respekt für Geleistetes ist gewachsen. Zurückgelegte Wege werden nicht mehr nur als anstrengend und belastend wahrgenommen, sondern als Baustein der eigenen Fitness.“

Ohne Wenn und Aber kann das Fazit von „Fitte Schritte – Pflege(r) in Bewegung“ als durchweg positiv betrachtetet werden. Die Mitarbeiter aus dem AWO Servicehaus Ellerbek haben sich mit dieser Idee beim Innovationspreis der AWO Pflege beworben. Die Preisverleihung ist im November. Man darf also gespannt sein.