„Was soll denn der Kinderkram?“

21. Mai 2015

Eine Hollywoodschaukel im AWO Service- und WOHNzentrum Schönkirchen sorgt anfangs für Skepsis unter den Bewohnern – und inzwischen für große Begeisterung. Für seine anregende und zugleich beruhigende Wirkung vor allem für demenziell erkrankte Bewohner wurde das Projekt für den AWO Innovationspreis 2014 nominiert.

„Mein Mann ist immer so gerne Fahrrad gefahren. Leider traut er sich jetzt nicht mehr!“ Als eine Bewohnerin aus dem AWO Service- und WOHNzentrum Schönkirchen von den Gleichgewichtsstörungen ihres Mannes erzählte, brachte dies Pflegefachkraft Kathrin Starkenberg und ihre Kollegin, Sozialpädagogin Astrid Thams, zum Nachdenken: „Zunächst haben wir überlegt, ob wir zum Beispiel über eine Fahrradwerkstatt ein Fahrradgestell erhalten könnten, das fahrtüchtig ist, aber absolute Sicherheit verleiht.“ Die Ehefrau bezweifelte jedoch, dass ihr Mann noch verkehrstauglich wäre: „Er würde unkontrolliert hin- und herschwanken“.

Dies brachte die Mitarbeiterinnen auf eine Idee: Könnte man dieses Hin- und Herpendeln kontrollieren, dann hätte eine solche Schaukelbewegung vielleicht auch positive Seiten, könnte die Körperwahrnehmung des Bewohners schulen und eventuell sogar eine beruhigende Wirkung auch für andere, insbesondere für demenziell erkrankte Bewohner haben. „Unsere erste Idee war es, einen Schaukelstuhl anzuschaffen“, erzählt Kathrin Starkenberg. „Dann bot sich eine Kollegin an, ihre Hollywoodschaukel zum Ausprobieren zur Verfügung zu stellen.“

Für die Mitarbeiterinnen schien diese perfekt geeignet: „Die Schwingbewegung hält sich zwar in Grenzen, ist aber deutlich spürbar und mit den Füßen leicht zu kontrollieren, und durch das Gestell hat man einen stabilen Halt.“ Bereits am nächsten Tag stand die Schaukel auf der Terrasse. Sie bietet Platz für mindestens zwei Personen und hat damit aus Sicht der Mitarbeiterinnen noch einen weiteren Vorteil: „Sie bringt Menschen miteinander ins Gespräch und hält sie dabei in Bewegung.“

Die Skepsis der Bewohner, die beim Aufbau zuschauten, war dennoch groß: „Was soll denn der Kinderkram?“, fragte eine Bewohnerin ungehalten. Schließlich machte es sich ein Mitarbeiter in der Schaukel gemütlich und sagte: „Wenn Sie nicht wollen, ICH könnte hier den ganzen Tag bleiben!“

So schien es auch Frau Witt (86) als Kind gegangen zu sein. Denn plötzlich sagte sie leise: „Ich habe als kleines Mädchen so gerne geschaukelt! Ich hatte lange blonde Haare, zu Zöpfen geflochten. Ich habe so doll geschaukelt, dass das Haarband weggeflogen ist.“ Behutsam nahm Kathrin Starkenberg daraufhin ihre Hand: „Frau Witt, was halten Sie davon: Wir können die Schaukel ja mal ausprobieren, ohne dabei gleich doll zu schaukeln.“ „Davon würde mir heute bestimmt auch schlecht werden“, entgegnete Frau Witt und ließ sich bereitwillig zur Schaukel führen. Nachdem die beiden eine Weile hin- und hergeschaukelt waren, wollte sich eine andere Bewohnerin dazusetzen:

„Das ist ja wie früher: Alle wollten immer auf die Schaukel“, erinnerte sie sich.“Aber sowas Feines hatten wir früher nicht. Mein Vater hat einfach ein altes Brett genommen, Taue gekauft und die über einen starken Baumzweig gehängt. Da musste man schon schauen, dass der Zweig nicht bricht. Es hat immer geknackt, je höher man kam. Die Jungs haben uns immer eingedreht und uns mit Schwung wieder ausgetrudelt. Mir ist manchmal richtig schlecht geworden.“

Damit sich auch Frau Müller dazusetzen konnte, rückten die beiden anderen zusammen. „Aber nicht so stark schaukeln, ich trau mich nicht!“, ruderte sie zunächst zurück. Doch Kathrin Starkenberg setzte sich in die Mitte und hielt beiden Damen die Hand: „Jetzt können wir sogar Abklatschlieder singen“, freute sich Frau Müller. „Aber ich weiß gar nicht mehr, wie die gehen.“

Inzwischen trauen sich auch viele andere Bewohner auf die Hollywoodschaukel. Da die Sitzfläche relativ niedrig ist, benötigen die meisten von ihnen eine Aufstehhilfe. „Wir schaukeln in der Regel ohnehin gemeinsam und bieten ihnen dadurch Schutz“, sagt Kathrin Starkenberg.

„Am Anfang halten sie unsere Hand meist noch sehr verkrampft, nach dem ersten sanften Schwingen aber entspannt sich oft der Griff, und einige fangen schon bald an, leise Lieder zu summen, laut zu singen oder Erinnerungen auszutauschen.“